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Mögliche Kriterien der Parkgestaltung zur Zeit des Historismus

von Dr. Klaus F. Müller

Was ist, was war, was bleibt?

Historistische Landschaftsarchitektur von einem der gefragtesten Architekten seiner Zeit. Ludwig Hofmann aus Herborn (1862-1933)

Gibt es nach 130 Jahren Parkgeschichte noch etwas zu entdecken? Oder was hat sich bis heute erhalten?

95 % aller Menschen sind visuell geprägt. Wir lassen daher die Augen suchen. Für uns von Bedeutung und naheliegend sind die großen und kleinen Sichtachsen. Diese führen von einem "Point of View", z. B. vom Eingangsportal der Villa Haas, über die breite Auffahrt zu einem Objekt der Nähe oder Weite. Dadurch soll das Herrenhaus mit Remise von seiner besten Ansicht präsentiert werden.

Ein idealer "Point de vau" ist der links vom Eingang liegende Schneckenberg. Auf dem spiralförmig ansteigenden Weg hat man ständig wechselnde Blickbeziehungen, z. B. auf den herrschaftlichen Löwen, Gesteinssammlung, auf Diana - Göttin der Jagd oder den Teich als Auge des Parkes.

Auf dem Plateau des Hügels genießt man eine weiträumige Sicht über die Parkanlage und benachbarte Villengärten.

Um keine Monotonie oder Langeweile aufkommen zu lassen, erschließen die Parkwege, Pfade oder auch Treppen neue Aussichtspunkte. Schmal, breit oder verjüngend sollen so neue Perspektiven geschaffen werden, was ein besonderes Raumgefühl beinhaltet.

Die Bepflanzung hilft optische Täuschungen zu verstärken. Leitpflanzen z. B. Zypressen, hier Rhododendren und Hortensien, betonen (un)bewußt die Wirkung der Achsen. Ein wichtiger Punkt hierbei ist die Farbgebung der Wege. Weißer oder gelber Kies steigert die Kontraste zum Grün und den blühenden Pflanzen. Spalierobst, Kletter-Rosen oder Wein nehmen den Bruchsteinmauern die Härte; Efeu dagegen wirkt an der Ruine wie das "Leichentuch der Natur" (Pückler-Muskau, 1785-1871). Aber auch Treppenaufgänge, tunnelhafte Pergolen mit Sichteinschränkung oder Torbögen können Spannung erzeugen. D. h. Durchblicke zu Gestaltungsobjekten wie zu Statuen oder zum Teehaus erlauben.

Zusätzliche Möglichkeiten bietet die Lage des Bergparkes. Hier erhebt sich aus den Bäumen heraus am Hang eine Ruine (früher strohgedeckte Eremitage). Eine Hommage an die Ästhetik des Verfalls mit ihren Geheimnissen von Eiskeller, Wappenrelief und Schießscharte etc.

Eine dazu gehörige hangwärts aufsteigende Bruchsteinmauer trennt den dahinterliegenden Park mit Menagerie von dem ursprünglich geplanten Kernbereich ab.

Neue Eindrücke (Aha-Effekt) erfährt der Besucher wenn er z. B. bei den drei Terrassen die dahinterliegenden Strukturen erfasst. Diese künstlich geschaffenen Außenräume im Park sind als Fortsetzung der Villenarchitektur gedacht.

Was war?

Von dem noch in den 60er Jahren gerühmten Blumenrabatten, Blumenrondellen und Broderien ist fast nichts mehr zu sehen. Sie sind eingeebnet oder mit ausdauernden Gewächsen, wie Pfingstrosen, Lavendel, Dickmännchen etc. bepflanzt. Die Parkgärtnerei mit ihren bis zu 40 Hilfskräften ist heutzutage ein Gewerbegebiet. Importpflanzen mit "Flower Power" haben alte lokale selbstgezogenen zeittypische Sorten verdrängt.

Was bleibt?

Parkanlagen spiegeln den Geschmack der Besitzer wider. Für Sensitive und Phantasiebegabte in Mode gekommen sind Farbzusammenstellungen von Blütenpflanzen oder Aneinanderreihung von Formgehölzen, die Analogien zu Musikkompositionen herstellen sollen. Ob das Herz der Naturliebhaber bei Anpflanzungen im 4 Viertel oder 8 Viertel Takt beschleunigt wird, ist mit naturwissenschaftlichen Einordnungen über die Grundlagen von Licht und Hörsinn nicht zu vereinbaren. Da bleiben dem ungläubigen Gartenfreund nur noch die bei leichtem Frühjahrswind im 3 Viertel Takt hin und her wiegenden Köpfchen der Schneeglöckchen und Märzenbecher Wiesen.

Park als Erlebnis der Sinne

Klassisches Konzert über versteckte Lautsprecher oder Vogelgezwitscher?

Beides dient letztlich dazu das subjektive Parkerlebnis zu steigern.

Man kann natürlich auch beim Plätschern des Springbrunnens und den Wasserspielen am Teich entspannen und so der lärmenden Umwelt entfliehen.

Der historistische Park vereinte viele Stile und war im Selbstverständnis der Besitzer stets eine variable Eigenschöpfung. Wie bei allen vorangegangenen Stilen orientierte man sich an berühmten Vorbildern und brachte neue technische Entwicklungen (Beleuchtung, Pumpsysteme etc.) sowie exotische Pflanzen in die Gestaltung ein.

Bürgerliche Sichtweisen in der Parkgestaltung verändern sich langsam durch neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen und führen zu einem künftig mehr ökologisch bedingten Naturverständnis. (Gernot Böhme)

 

Das Gleiche gilt für den im Historismus so wichtigen erzieherischen Bildungsanspruch.

Die Symbolik von Reliefen, Statuten oder Verzierungen versteht keiner mehr.

Mit den im Vordergrund stehenden Personen sind sie als ausschmückende Gegenstände aber durchaus "instagrammable".

 

Alle dekorativen Elemente und Staffagen sind als Fortsetzung der Architektur, die damals die Landschaftsgärtnerei überflügeln sollte, aufzufassen. Sie sind nicht zufällig verstreut, sondern geplant und dienen dazu mit z. B. Grotte, Teich oder Pavillon eine Stimmung zu erzeugen, welche die Natur so nicht darstellen kann.

 

Schirmte sich der Park früher durch hohe Mauern vom Publikum ab, sind heutzutage durch Aufschüttungen der Straße und Zäune sowie durch Reduktion der Sträucher Einblicke auf die Anlage möglich.

Sind die meisten Pflanzen für uns weitgehend geruchsneutral, so stechen im Frühjahr besonders der Duft von Hyazinthen, Flieder, Mahonien oder der etwas aufdringliche Bärlauch hervor. Im frühen Sommer sind es eher die Kletterhortensien, der Jasmin, Wildrosen, Holunder oder der schwere Blütenduft von Scheinakazien und holländischen Linden. Gegen Sommerende dominieren die Mittelmeerpflanzen wie Ölweide, Lavendel, Rosmarin und Thymian. Im Winter verbleiben dem Garten nur noch der Duftschneeball und in warmen Ecken der stinkende Storchenschnabel.

In einem Park der Sinne, den es ja immer schon gab, ist es natürlich möglich die Oberflächen und Strukturen von Pflanzen von Bäumen zu ertasten und sie sich bei geschlossenen Augen ohne Ablenkung einzuprägen.

Beim Geschmack wird es natürlich gefährlicher, zumal die Abschreckung der Natur mit Bitterstoffen nicht immer funktioniert. Aronstab, Tollkirsche, Finger- und Eisenhut, Maiglöckchen, Salomonssiegel, Zaunrübe, Schwalbwurz, Oleander, um nur einige zu nennen, sind Parkbewohner, die auch Tiere meiden. Vielen nicht bewusst ist, dass die roten Früchte des Taxusbaumes zwar süß schmecken, aber nur von Vögeln mit kurzem Darm verwertbar sind. Zum Verzehr bleiben eigentlich nur die Gewürzkräuter, Melissen und Minzen bzw. die Nutzpflanzen (Wein, Spalierobst, Wacholder, Esskastanien, Maulbeere etc.).

Den Autor freut es wenn Besucher auch ohne geschultes ästhetischen Empfinden und ohne elitäre Bildung Villa und Park als Gesamtkunstwerk erfahren und von dessen natürlicher wie illusionärer Schönheit zu allen Jahreszeiten in Bann gezogen werden.

P.S. Wiki-Commons Park und Villa Haas bietet mit aktuellen wie historischen Bildern und knappen detailliertem Text eine Bestandsaufnahme. Oder vielleicht bei "Villa Haas" Instagram vorbeischauen und das gegenwärtige Geschehen modern im Zeitgeist verfolgen.

Instagram @Villa_Haas

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